Im Rahmen unserer Projektearbeit bemühen wir uns immer wieder, außerschulische Kontakte zu verschiedenen Institutionen in Bremen herzustellen und mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Darüber hinaus wollen wir unseren Schülern zu außergewöhnlichen menschlichen Begegnungen verhelfen, die sie in die Lage versetzen, gesellschaftliche, politische und historische Zusammenhänge besser zu verstehen.. Zum Abschluss des Projektes "Faschismus" (Haus 10 AIR) luden wir die jüdische Autorin Sonja Sonnenfeld zu uns ein, die - inzwischen 91jährige(!) - ihr Buch "Es begann in Berlin. Ein Leben für Gerechtigkeit und Freiheit" (Donatverlag Bremen) vorstellte.
Als Zuhörer hatten sich zwei Hauptschulklassen (9. und 10. Jahrgang) sowie eine 10.Realschulklasse eingefunden; ca. 65 Schüler und Schülerinnen, die z.T. schwer für geschichtliche Themen zu motivieren sind und normalerweise schnell Desinteresse zeigen, wenn sie und ihre primären Interessen nicht unmittelbar angesprochen werden. So erschien es den beteiligten Kollegen in vielerlei Hinsicht als ein kleines Wagnis, die Begegnung wie geplant stattfinden zu lassen. Doch dann die Überraschung:
Kaum hatte die alte Dame begonnen, über ihr bewegtes Leben in Berlin zu sprechen, wohin sie zu Beginn des 1.Weltkriegs mit Ihrer Familie aus Schweden übergesiedelt war, herrschte andächtige Stille unter den Jugendlichen. Mit viel Humor und ironischen Anspielungen auf ihr hohes Alter führte sie den Schülern ein zwar entbehrungsreiches, aber auch unglaublich lebendiges "goldenes" Zeitalter in den zwanziger Jahren vor, das 1933 abrupt mit dem Beginn der NS-Diktatur endete.
Sonja Sonnenfeld wird Zeugin des fortschreitenden Antisemitismus, dem sie als Jüdin nur entgehen kann, weil sie einen schwedischen Pass besitzt. Anhand konkreter Beispiele von Judenhass und Demütigungen thematisierte sie Probleme wie Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit und Mobbing - ein Zusammenhang, der die Schüler sichtlich bewegte. Ihr eigentliches Anliegen, dem sich die Autorin seit 1979 widmet, ist jedoch der Fall Raoul Wallenberg. Der schwedische Diplomat rettete 1944 über 100.000 ungarischen Juden das Leben, indem er ihnen "Schutzpässe" ausstellte. Sonja Sonnenfeld bemühte sich jahrelang um die Freilassung des unter mysteriösen Umständen vom russishen Geheimdienst festgenommenen Wallenberg.
Heute hat sie sich zum Ziel gesetzt, sein Lebenswerk zu propagieren und auch in Schulklassen über ihn zu sprechen - verbunden mit dem Appell in alltäglichen Situationen Zivilcourage zu zeigen. Die Botschaft ihres Besuches kam bei unseren Schülern an. Tief beeindruckt, aber auch neugierig und unbefangen - Frau Sonnenfeld machte es ihnen durch ihre lebhafte und humorvolle Art leicht - stellten sie anschliessend Fragen zu ihrem Leben im Naziregime. Wie intensiv diese Veranstaltung wirkte, zeigte sich nicht nur darin, dass ca. ein Drittel der Jugendlichen Sonja Sonnenfelds Buch erwarb und sich signieren liess, sondern auch in dem am nächsten Tag geäußerten Wunsch, der Autorin zu schreiben und noch einmal persönlich zu danken.